Zum Projekt



Finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) begann im Dezember 2017 an der Graphischen Sammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel ein umfassendes, auf drei Jahre angelegtes Digitalisierungsprojekt, das dem Herzstück der Sammlung, dem nahezu vollständig erhaltenen Kupferstichkabinett der Landgrafen von Hessen-Kassel, gewidmet war und mit dieser Online-Publikation zum Abschluss kommt. Ehemals gemeinsam mit der Bibliothek Wilhelms IX., des nachmaligen Kurfürsten Wilhelm I. (1743–1821), im Schloss Wilhelmshöhe verwahrt, haben sich in der Graphischen Sammlung fast 50 nach Künstlern oder Schulen geordnete Klebebände, zehn Folianten mit druckgraphischen Porträts sowie diverse Sammelbände und repräsentative Verlagswerke mit Druckgraphik erhalten. Abgesehen von den historischen Inhaltsverzeichnissen des späten 18. Jahrhunderts waren die ca. 14.000 Einzelblättern, die in diesen Bänden enthalten sind und den hessischen Landgrafen als umfassendes bildliches Nachschlagewerk dienten, bislang unerschlossen.[1]

Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde Graphik nicht nur lose in Portefeuilles oder Kästen verwahrt, sondern auch gebunden in sogenannten Klebebänden. Häufig knapprandig beschnitten, montierte man die Stiche oder Zeichnungen in große Folianten. Über die Jahrhunderte wechselten die Kriterien für die Anordnung der Stiche in den Bänden: die frühen Klebebände des 16. Jahrhunderts waren thematisch geordnet, spätere nach Schulen und Künstlern, wobei Original- und Reproduktionsgraphik nicht geschieden wurden. Schließlich erfolgte die Anordnung entsprechend der frühen Werkverzeichnisse.
Klebebände sind zunächst ein Mittel zur Verwahrung, Konservierung, Präsentation und Organisation von frühen Graphiksammlungen. Ihre Systematik gibt Auskunft über die Funktion, die Geschichte und die spezifische Nutzung der jeweiligen Sammlung. Ein Großteil der Klebebände wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgelöst. Nur in wenigen Sammlungen wie dem Kupferstichkabinett der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg, der Albertina in Wien oder dem Kupferstich-Kabinett Dresden liegen umfangreiche Altbestände auch heute noch gebunden vor.

Das Interesse an der Erforschung von Klebebänden hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Einer grundlegenden Bearbeitung einzelner Sammlungen sind jedoch häufig schon dadurch Grenzen gesetzt, dass es enorm zeitaufwendig ist, sich einen Überblick über die opulenten, häufig nur unzureichend erschlossenen Bestände zu verschaffen. Auch der Inhalt der Kasseler Klebebände war bislang noch nicht nach den gängigen Werkverzeichnissen bestimmt und nach Stechern beziehungsweise Inventoren recherchierbar. Wollte man wissen, ob ein Blatt vorhanden ist, so mussten die in Frage kommenden Bände durchblättert werden.
Aufgrund seines im Vergleich zu anderen historischen Sammlungen vom Umfang her überschaubaren Bestandes bietet sich das landgräfliche Kupferstichkabinett in Kassel für eine ins Detail gehende Kompletterfassung und –digitalisierung in besonderem Maße an. Ziel des Projektes war die erstmalige exemplarische Erschließung einer gebunden vorliegenden historischen Graphiksammlung, die dem besonderen Typus des Klebebandes als Mittel der Sammlungsorganisation Rechnung trägt. Die Bände sollten virtuell durchblättert werden können, die Abfolge der Stiche im Band mit eingestreuten Leerseiten, entnommenen oder später hinzugefügten Blättern nachvollziehbar bleiben, da sie wichtige sammlungsgeschichtliche Hinweise oder Indizien für die Organisation der Einzelblätter innerhalb des Bandes liefern können.

Mit dem Online-Katalog schafft das Projekt die Basis für ein separat zu beantragendes Forschungsvorhaben zur Geschichte und Funktion des landgräflichen Kupferstichkabinettes im Vergleich zu anderen fürstlichen Sammlungen der Zeit. Aus dem 18. Jahrhundert haben sich zahlreiche Quellen zu den Kasseler Klebebänden und den darin enthaltenen druckgraphischen Arbeiten erhalten, die bislang noch nicht systematisch ausgewertet werden konnten. Von Nachlass- oder Gebäudeinventaren, Rechnungen zum Ankauf oder Binden von „estampes“ reicht das Spektrum der Archivalien bis zu Briefen, in denen Stiche bei der Zuschreibung von Gemälden zu Rate gezogen oder Kunstagenten angewiesen werden, nach bestimmten Werken, etwa Radierungen von Rembrandt, Ausschau zu halten. Die Verlinkung dieser Quellen mit den Bänden und darin enthaltenen Stichen ist ein Desiderat für die weitere Erforschung der Sammlung.

Nur sehr vereinzelt lassen sich in Kassel vor dem 17. Jahrhundert einzelne Stiche mit bestimmten Personen der hessischen Fürstenfamilie verbinden. Erst unter Landgraf Karl von Hessen-Kassel (1654–1730), dem Erbauer des Herkules-Monumentes, sind größere Bestände an Druckgraphik nachweisbar. Wilhelm VIII (1682–1760) hatte im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kasseler Gemäldegalerie großes Interesse an Reproduktionsgraphik etwa nach Rubens, sammelte aber auch französische Druckgraphik, also damals zeitgenössische Kunst, die nicht zu den Schwerpunkten der Gemäldegalerie gehört. Friedrich II. (1720–1785) bemühte sich in seiner Erbprinzenzeit nachweislich um Radierungen von Rembrandt sowie Reproduktionsgraphik nach Rubens. Auf seiner Italienreise erhielt er das Gesamtwerk von Piranesi vom Papst zum Geschenk. Kurfürst Wilhelm I von Hessen-Kassel führte die Bestände mit seiner privaten Kabinettbibliothek nach 1780 im Schloss Weißenstein, dem späterem Schloss Wilhelmshöhe, zusammen. Über vier Generationen hinweg wurde das landgräfliche Kupferstichkabinett immer wieder erweitert. Im Vordergrund stand dabei keine einzelne prägende Sammlerpersönlichkeit, die sich mit hoher Kennerschaft und Leidenschaft der Druckgraphik verschrieb und an besonderen Zuständen oder an Druckqualität interessiert gewesen wäre. Graphik wurde in Kassel zwar auch um ihrer selbst willen gesammelt, vor allem aber als bildliches Nachschlagwerk, als Bilderrepertorium, in dem sich die Interessen des jeweiligen Landgrafen niedergeschlagen haben. Gerade dies macht die Sammlung für eine funktionsgeschichtliche Untersuchung interessant. Darüber hinaus bemühten sich die hessischen Landgrafen, von einzelnen Künstlern wie Dürer, Rembrandt oder Callot, die in keiner fürstlichen Sammlung fehlen durften, möglichst das Gesamtwerk zusammenzutragen.

Viele der Kasseler Klebe- und Sammelbände geben durch ihre spezifische materielle Beschaffenheit Hinweise auf ihre Geschichte. So sind unterschiedliche Typen von Einbänden zu konstatieren. An den nachträglich den Bänden beigegebenen historischen Inhaltsverzeichnisse waren mehrere Schreiber beteiligt. Wie exemplarisch geprüft wurde, lassen sich die Schreiber identifizieren. Darüber hinaus unterscheiden sich die Inhaltsverzeichnisse auch in dem, was sie für erfassenswert erachten, können also möglicherweise Hinweise auf wechselnde Kriterien des Umgangs mit Druckgraphik geben. Die Papierarten differieren von Band zu Band, aber auch innerhalb eines Bandes. Dasselbe gilt für die Montierung der Stiche. Hier reicht die Bandbreite von einer ganzflächigen Montage bis zur Befestigung an den Ecken mit oder ohne Verstärkungen, der Montage auf Untersatzpapieren, auf dem Falz, mit passepartout-artiger Aussparung, mit oder ohne Rahmenleiste. Auch für die Anordnung und Abfolge der Stiche in einem Band lassen sich unterschiedliche Kriterien nachweisen, von rein dekorativen Gesichtspunkten, in dem etwa eine barocke Hängung imitiert wird bis hin zur konsequenten Abfolge nach frühen Werkverzeichnissen mit Leerseiten, um fehlende Blätter später noch an der richtigen Stelle einkleben zu können. All diese Details wurden von den Bearbeiterinnen und den Bearbeitern minuziös im Hinblick auf ein anschließendes Forschungsprojekt erfasst, in dem diese Informationen ausgewertet werden müssten. Dass das Projekt nachfolgende Forschungen anregt und initiiert, wäre sehr wünschenswert.

Zur technischen Umsetzung



Zu Projektbeginn waren die Bände des Kupferstichkabinetts nur bandweise mit je einem Datensatz in der Museumsdatenbank MuseumPlus erfasst. In einer kurzen Vorbereitungsphase wurden Art und Umfang der für das Projekt nötigen Erschließungskriterien und deren Erfassung definiert und auch der Umfang der anzufertigen Fotografien festgelegt. Dabei wurde neben den inhaltlichen Kriterien auch die Präsentation der Bände als durchblätterbare Bücher mit berücksichtigt.
Für jeden Band wurde der Einband mit den Datensätzen Deckel, Rückdeckel und Buchrücken erfasst und fotografiert. Der Buchblock wurde seitenweise mit zumeist allen Leerseiten und, bei Textbänden, den wichtigsten Textseiten erfasst. Bei Seiten mit nur einem Stich entspricht der Datensatz der Seite dem Stich, bei mehreren Stichen wurde zusätzlich für jeden Stich ein eigener Datensatz angelegt und mit der Seite verknüpft. Erfasst wurden auch entnommene Seiten und Stiche, die sich insbesondere aus den historischen Inhaltsverzeichnissen rekonstruieren ließen.

Die Bände wurden auf einer speziell zum Digitalisieren großformatiger Bücher entwickelten Grazer Buchwiege seitenweise fotografiert, als Kamera kam eine Sinar Fachkamera mit Digitalrückteil zum Einsatz. Leerseiten wurden vor allem dann fotografiert, wenn sie Montierungsspuren, Notizen oder andere Besonderheiten zeigten, Textseiten dann, wenn sie Vignetten oder Initialen enthielten. Nicht fotografierte Seiten werden durch Platzhalter gekennzeichnet, entnommene Seiten durch Platzhalter mit Fragezeichen. Entnommene Stiche, sofern noch in der Sammlung vorhanden, wurden gesondert fotografiert. Doppelseitige Stiche wurden, soweit konservatorisch möglich, auch als Doppelseite aufgenommen, in Einzelfällen mussten die Fotos der beiden Seiten zur Doppelseite zusammengefügt werden. Gefaltete Stiche wurden in den wichtigsten Schritten des Auffaltens fotografiert, so dass Montierung und Faltung erkennbar werden.

Der Zugriff auf den Bestand ist möglich über die Stichwortsuche oder die Erweiterte Suche, die das Durchsuchen des Gesamtbestandes nach verschiedenen Kriterien erlauben. Die einzelnen Bände können über die Liste der Bände im Katalog oder von jedem einzelnen Datensatz aus in der Buchansicht geöffnet und dann als Band durchblättert werden. Der Katalog bietet quer zu den Bänden auch Zugriff auf Künstler, Dargestellte oder beteiligte Personen allgemein, ebenso auch auf die sämtlich per IconClass erschlossenen Motive. Die historischen Inhaltsverzeichnisse wurden transkribiert, die Transkription als PDF-Datei jeweils dem Datensatz des Bandes und der ersten Seite des Inhaltsverzeichnisses angehängt. Die Dateien können dort heruntergeladen werden.

Die Fotografien der Seiten sind jeweils in einer Auflösung von ca. 8.000 x 6.000 Pixeln im Katalog abgelegt. Die separat erfassten Einzelstiche wurden nicht einzeln fotografiert, sondern sind jeweils entsprechend kleinere Ausschnitte der Gesamtseite. Die Fotos der Seiten werden im Katalog in der Ausrichtung präsentiert, in der sie im Band enthalten sind. In der Vergrößerungsfunktion und auch in der Buchansicht können die Fotografien gedreht werden. Die separat erfassten Einzelstiche werden in der richtigen Ausrichtung des Stiches dargestellt. Die Darstellung der Bände in der Buchansicht erfolgt mit einem iiif-Viewer, der sowohl das Durchblättern des Bandes, als auch das Vergrößern der Seiten bis zur vollen Auflösung der Fotografien erlaubt. Im Katalog ist zu jedem Band auch ein iiif-Manifest verlinkt, so dass die Bände auch in weiteren entsprechenden Viewern betrachtet werden können.

Dank



Das Projekt hat vielfältige Unterstützung erfahren. An erster Stelle danken wir dem Bundesministerium für Bildung und Forschung für die großzügige Finanzierung des Projektes. Den Bearbeiterinnen Antje Habekus, Hendrickje Kehlenbeck, Sonja Ruth, Susanne Ehlers und Katharina Aschenbrenner danken wir sehr herzlich für ihre gründliche und unermüdliche Bearbeitung des Bestandes. Ohne die Kompetenz von Martin Menz, der das Projekt von der technischen Seite begleitete und die Datenbank zur Publikation vorbereitete, hätten wir das Projekt nicht durchführen können. Großer Dank gebührt der Fotografin Ute Brunzel für ihren tatkräftigen Einsatz mit den zum Teil schwierig zu handhabenden Folianten. Eric Brandt, studentische Hilfskraft, und Jürgen Wieggrebe, der im Rahmen eines Ehrenamtes für das Projekt tätig war, danken wir gleichfalls für ihre Unterstützung.

Für die kollegiale Unterstützung des Projekts und ihren wissenschaftlichen Rat danken wir:

Stephanie Buck, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett
Michael Buchkremer, Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg
Regina Doppelbauer, Albertina Museum Wien
Peter Fuhring, Fondation Custodia – Collection Frits Lugt, Paris
David Klemm, Hamburger Kunsthalle
Gudrun Knaus, Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg
Anette Michels, ehem. Universität Tübingen, Kunsthistorisches Institut, Graphische Sammlung
Christiane Pagel, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig
Brigitte Pfeil, Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel

sowie den Kolleginnen und Kollegen der Museumslandschaft Hessen Kassel

Martin Eberle



[1] Zur Kasseler Sammlung vgl.: Hallo, Rudolf: Das Kupferstichkabinett und die Bücherei der Staatlichen Kunstsammlungen zu Kassel am Tage der Eröffnung am 4. Oktober 1931. Kassel 1931; Lukatis, Christiane: „allerhand Kupferstiche und Zeichnungen berühmter Meister“. Die Landgrafen von Hessen-Kassel als Graphiksammler. In: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 104 (1999), S. 131–154; Brakensiek, Stephan: Vom "Theatrum mundi" zum "Cabinet des Estampes". Das Sammeln von Druckgraphik in Deutschland 1565–1821 (Studien zur Kunstgeschichte 150). Hildesheim/Zürich/New York 2003, S. 389–424.




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